Dienstag, 2.5.06
Heute Morgen wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Der Arzt war noch einmal bei mir, etwas zerstreut. Erst, nachdem er noch einen Blick in meine Akte geworfen hatte, fiel ihm wohl wieder ein, wer ich bin. Er legte mir die Hand auf die Schulter und sagte, er hoffe, dass es mir bald besser ginge. Ja, habe ich gesagt, ich auch.
Jetzt bin ich in Alex’ Ferienhaus. In meine Wohnung kann – und will ich zurzeit nicht zurück. Bei dem Gedanken daran, wie es dort jetzt aussehen muss, wird mir mulmig. Erst, wenn die Versicherung da war, und Alex und meine Mutter alles geregelt und aufgeräumt haben, werde ich vielleicht wieder einziehen. Vielleicht gehe ich aber auch nur zurück, um meine Sachen zu packen. Ich weiß es noch nicht. Ich bin froh, dass ich mich darum jetzt nicht kümmern muss.
Hier ist es einsam, darüber bin ich auch froh. Das Haus liegt am äußersten Rand des Feriengebietes, direkt am Wald. Wenn ich aus der Tür trete, sehe ich nur die anderen, leer stehenden Häuser und die Bäume. Ein guter Platz, um sich zu erholen.
Ich bin mit allem versorgt, meine Mutter hat mir eine große Kiste gepackt, aber ich habe immer noch keinen Appetit. Ich kann auch immer noch nichts riechen. Nachdem der HNO-Arzt und der Neurologe sich an meinem „Fall“ die Zähne ausgebissen haben, hat sich der Psychotherapeut des Krankenhauses an mir versucht. Aber außer viel Gerede kam dabei nicht heraus. Am Ende habe ich mir nur noch gewünscht, in Ruhe gelassen zu werden. Ich denke, er hat das gemerkt, fast tat er mir ein bisschen leid. Ich hätte ihm einen Triumph gegönnt, aber die Erkenntnis, dass ich offenbar an einem Trauma leide, war nicht gerade schwer zu erlangen, und geändert hat sie auch nichts.
Den letzten und einzig wertvollen Ratschlag befolge ich jetzt: Ich gönne mir Ruhe – und führe Tagebuch. Vielleicht finde ich beim Schreiben irgendwie heraus, was mit mir los ist.
Ich werde versuchen, meiner Mutter den Gefallen zu tun und „ordentlich essen“. Es fällt mir schwer, mehr als ein paar Bissen hinunterzuwürgen. Da alles nach nichts schmeckt, bin ich schnell satt.
Mittwoch, 3.5.06
Ich habe ziemlich schlecht geschlafen. Nachdem ich gestern Nachmittag alles eingeräumt hatte, habe ich den ganzen Abend gelesen, um zwölf war ich im Bett. Ich bin auch schnell eingeschlafen, aber dann bald wieder hoch geschreckt – ich nehme an, ich habe von der Nacht geträumt, kann mich aber nicht genau erinnern. Dann lag ich wach, mit Herzrasen und schweißgebadet. Bin dann einmal durch das ganze Haus getigert und habe alle Elektrogeräte überprüft und die Stecker gezogen, und bevor ich alle Lampen angeschaltet habe, war ich in der Küche und habe im Boiler nach der Flamme gesehen.
Als ich wieder im Bett war, war die Angst nicht mehr so groß, aber dafür war ich nicht mehr müde. Wie ich so im Dunklen lag, kam die Erinnerung an die Nacht ziemlich stark zurück, aber ich bin dafür noch nicht bereit. Natürlich weiß ich nicht, ob ich dafür jemals bereit sein werde oder ob ich mich dem einfach werde stellen müssen, ohne mich bereit zu fühlen... ein ziemliches Dilemma. Jedenfalls, heute nacht habe ich versucht, meine Gedanken auf die Zukunft zu richten, aber da die auch ungewiss ist, musste ich schon bald das Licht anschalten und weiter lesen. Als es draußen heller wurde, fielen mir dann doch die Augen zu.
Ich habe dann bis fast mittags geschlafen. Es regnet und der Weg in die Stadt – das Städtchen – ist ziemlich weit. Ich frage mich, was Alex in seinen Ferien hier macht. Aber wahrscheinlich kommt er nur im Sommer her. Wenn ich nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher verbringen will, muss ich mir irgendetwas ausdenken. Vielleicht ist etwas in Mutters großer Kiste.
Ich kann immer noch nichts riechen. Meine Mahlzeit gestern bestand aus zwei Scheiben Brot mit Butter. Wahrscheinlich gibt es Menschen, die für diese Art der Diät viel Geld ausgeben würden.
Samstag, 6.5.06
Am Donnerstag klarte der Himmel auf, es war sogar richtig mild. Ich habe mich auf den langen Weg in den Ort gemacht, um mich dort ein wenig umzusehen. Ein verschlafenes Städtchen, aber ich kann mir vorstellen, dass im Sommer hier mehr los ist. Ich verstehe jetzt besser, warum dieser kleine Ort so ein großes Gebiet mit Ferienhäusern hat.
Neben dem Schloss und dem Park gibt es auch eine gut sortierte Buchhandlung und ein ebenso gut sortiertes Schreibwarengeschäft, Ich habe mich mit Lektüre und Zeichenutensilien ausgerüstet und mir ein Taxi zurück gegönnt.
Gestern war ich im Wald und auf den Feldwegen spazieren. Mein Haus (Alex’ Haus) steht auf der Höhe eines Hügels, und wenn man den Wald hinter sich lässt, hat man einen wunderbaren Blick über die Landschaft und die nächstgelegenen Dörfer. Ich habe mir einen schattigen Platz unter Bäumen gesucht und angefangen zu zeichnen. Mir ist jetzt klar, warum man Beschäftigungstherapie macht – während ich so beschäftigt war damit, das Bild der Landschaft auf Papier zu bringen, sind meine Gedanken zwar gewandert, aber auf ganz ruhige Art. Ich habe nicht gegrübelt, sondern bin ganz unbewusst zu der Erinnerung an die Nacht gekommen, und ich habe keine Angst dabei gefühlt. Ich war ganz ruhig bei einer friedlichen Beschäftigung und die Bilder waren wie ein Film in meinem Kopf.
Ich habe das blaue, rhythmische Licht wieder gesehen, dass mich geweckt hat. Ich konnte mich erinnern, wie heiß es mir war. Ich war ziemlich verwirrt und habe mich erst nur im Bett aufgesetzt. Ich habe auf meinen Wecker geschaut und mich gewundert, dass es mitten in der Nacht war. Dann wurde mir das Licht erst richtig bewusst und ich bin zum Balkon gegangen. Der Schweiß lief mir schon in Strömen. Als ich die Balkontür aufmachte, wurde es noch heißer. So verschlafen wie ich war, konnte ich mir keinen Reim darauf machen – es ging in meinem Kopf nicht zusammen mit dem Nebel, der vor dem Balkon herrschte. Erst, als ich auf den Balkon hinausgegangen war und der Beton unter meinen Füßen so heiß war und ich unten auf der Straße die Feuerwehrwagen sah, wurde ich richtig wach und wusste auch, was geschehen sein musste. Der Rauch kam direkt aus der Wohnung unter mir. Danach ist meine Erinnerung merkwürdigerweise noch verschwommener als diese kurze Zeit davor, in der ich ja fast im Halbschlaf geblieben war. Ich weiß nur noch, dass der Feuerwehrmann, der mich aus dem Haus holte, mich viel zu fest um die Schulter gefasst hatte, den blauen Fleck konnte ich noch eine Woche später spüren. Es ging zwar alles sehr schnell, aber trotzdem sehe ich noch, wie der Rauch schon durch die Ritzen meines Holzbodens drang – oder war das das Holz selbst, das durch die Hitze anfing zu kokeln? Auf jeden Fall spiegelte sich im Helm des Mannes das orange Licht des Feuers und er sagte irgendetwas von „nicht mehr zu retten“.
Unten auf der Straße, bei den Sanitätern, wurden mir die Knie weich. Ich starrte zu dem Balkon unter meinem hinauf und sah, wie die Flammen eine Rußspur bis unter das Dach legten. Irgendwann gab mir einer der Sanis einen Schluck Wasser und eine Spritze. Und dann war ich im Krankenhaus.
Diese Erinnerung hat mich gestern ziemlich beschäftigt. Irgendwann in meiner Grübelei hatte ich wohl auch aufgehört zu zeichnen, ich saß nämlich nur noch da, mit dem Stift in der Hand, und starrte auf den Horizont. Mit einem richtigen Schütteln bin ich wieder zu mir gekommen, zum Zeichnen war ich nicht mehr in der Stimmung. Aber den ganzen Abend habe ich darüber nachgedacht, wie genau ich mich an manches erinnere und wie wenig an anderes. Die verschiedenen Farben des Lichtes, die Hitze, der Griff des Feuerwehrmannes und das Pieksen der Spritze, daran erinnere ich mich – aber obwohl ich den Rauch und die Flammen vor mir sehe, kann ich mich nicht daran erinnern, etwas zu riechen. Es scheint, als sei mir nicht nur mein gegenwärtiger Geruchssinn abhanden gekommen, sondern auch die Erinnerung daran.
Dieser Gedanke hat meinen Appetit nicht gerade gesteigert. Salat fühlt sich an wie Altpapier, wenn man ihn nicht schmecken kann.
Montag, 8.5.06
Gestern und heute habe ich noch mehr darüber nachgedacht, was mit meiner Geruchserinnerung los ist. Mir ist dabei etwas ganz deutlich geworden: ich erinnere mich nur nicht an die Gerüche dieser Nacht.
Ich bin nämlich gestern durch den Wald spaziert und habe das sehr genau überprüft. Es hatte Samstag auf Sonntag geregnet und im Wald tropfte es noch von den Blättern. Schon als ich aus dem Haus trat und die Pfützen auf dem Weg sah, habe ich überlegt: Wie riecht nasser Asphalt? Bei jedem Schritt habe ich mir etwas gesucht und mich gefragt: Wie riecht das? Der nadelbedeckte Waldboden, das junge, hellgrüne Laub an den Bäumen, ein paar letzte Krokusse und die ersten Maiglöckchen – ich konnte es zwar jetzt nicht riechen, aber ich hatte doch wenigstens eine vage Erinnerung daran, wie sie früher für mich gerochen haben. Als mir das soweit klar war, habe ich versucht, an das Kaminfeuer zuhause zu denken und wie das zu Weihnachten gerochen hat. Das ist mir auch gelungen. Aber bei dem Versuch, den Geruch des Rauches zu erinnern, der vom unter mir gelegenen Balkon aufstieg, kam ich nicht weiter.
Ehrlich gesagt, ich habe es so sehr versucht, dass ich Kopfschmerzen bekam. Daraufhin habe ich mich lieber wieder den schönen Dingen im Wald zugewandt und mich darüber gefreut, dass ich wenigstens das Gefühl hatte zu riechen. So ein Frühlingswald ist einfach zu schön, als dass ich ihn nicht genießen könnte. Wie die Tropfen im Sonnenlicht glitzern und der Himmel zwischen den Blättern so weit entfernt scheint und die Blätter so jung und saftig... ein bisschen habe ich mich dabei dann doch erholt. Ich hatte danach sogar soviel Hunger, dass ich mehrere Scheiben Brot vertilgte. Obwohl sie immer noch nach nichts schmeckten und sich wie Matsch im Mund anfühlten.
Mittwoch, 10.5.06
Ich habe gestern einen Schock erlitten. Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren darüber, was es zu bedeuten hat, aber irgendetwas bedeutet es.
Ich habe mich nach dem Duschen im Spiegel betrachtet und festgestellt, dass ich ungesund aussehe. Richtig abgemagert. Also habe ich mir vorgenommen, eine ganze richtige Mahlzeit zu mir zu nehmen, koste es, was es wolle.
Bei Mamas Vorräten waren auch ein paar Steaks, die ich in die Tiefkühltruhe geräumt hatte. Ohne Appetit, aber mit umso viel mehr Willen habe ich mir die in die Pfanne gehauen – und dann habe ich den Fehler gemacht, sie aus den Augen zu lassen. Ich wollte nur kurz den Müll weg bringen, und habe mir dabei gedacht, ich kann auch gleich alle Mülleimer ausleeren. Dabei bin ich in eine Aufräumwut geraten... jedenfalls habe ich die Steaks zwischendurch vergessen. Ich habe ja auch nichts gerochen. Noch nicht.
Schließlich ist mir die Pfanne in der Küche doch siedendheiß wieder eingefallen. Die Küche war schon voller Qualm und als ich hustend am Herd stand, kam mit dem Anblick des schwarz verkohlten Fleisches mein Geruchssinn mit voller Wucht zurück. Ich war plötzlich eingehüllt von dem Gestank, den das Fleisch in der Pfanne hervorbrachte, und musste nicht mehr nur Husten, mir schossen sofort die Tränen in die Augen. Ich schaffte es gerade noch, die Pfanne von der heißen Platte zu ziehen und den Herd auszuschalten, danach rannte ich gleich ins Wohnzimmer und brach dort zusammen. Ich konnte mich gar nicht mehr beruhigen. Ich wusste nicht, warum, aber ziemlich lange habe ich nur geschluchzt und meinen Kopf in den Armen vergraben.
Langsam verging der Weinkrampf dann doch, aber ich war den ganzen restlichen Abend so schwach, dass ich kaum etwas tun konnte als vor mich hinzustarren. Hunger hatte ich überhaupt keinen mehr. Irgendwann ziemlich spät bin ich ins Bett gekrochen und habe sehr unruhig geträumt.
Jetzt denke ich die ganze Zeit darüber nach. Es hat etwas zu bedeuten und in einer meiner Gehirnwindungen weiß ich auch, was. Aber es ist wie mit einem entfallenen Namen – je mehr ich mich anstrenge, es zu greifen, desto mehr entwischt es mir.
Vielleicht kommt es zu mir, wenn ich mich entspanne. Das fällt mir allerdings sehr schwer, nach der Anstrengung von gestern und mit so leerem Magen. Ich traue mich nicht mehr in die Küche.
Samstag, 13.5.06
Ich werde morgen zurück nach Hause fahren. Zu meinen Eltern. Ich kann jetzt nicht mehr alleine bleiben. Ich weiß jetzt, was mit mir los war.
Die letzten paar Tage habe ich versucht, nicht zu grübeln. Ich habe wieder ein paar Schritte in die Küche getan und mit Schrecken festgestellt, dass mein Geruchssinn scheinbar wiederhergestellt ist – denn der Geruch, der meinen Zusammenbruch ausgelöst hat, ist immer noch da. Ich habe schnell die Fenster aufgerissen und mir irgendetwas zu beißen gegriffen. Abends bin ich nur kurz zurück in die Küche, um die Fenster wieder zu schließen und mehr zu essen zu holen.
Ich schmecke wieder – es kam langsam, aber inzwischen deutlich. Ein Hungergefühl wurde mit jedem Bissen, den ich schmecken konnte, mehr – ein komisches Gefühl.
So weit, so gut. Aber warum kann ich wieder riechen und warum hat mich dieser erste Sinneseindruck so sehr mitgenommen? Darüber habe ich, wie gesagt, versucht nicht nachzudenken. Ich habe gelesen, ich bin spazieren gegangen, ich habe gebastelt, ferngesehen und geputzt. Und heute Nacht habe ich geträumt. Seit dem Aufwachen heute morgen weiß ich, was los war.
Ich kann es nicht niederschreiben. Eine Erinnerung, die mir noch gefehlt hat, ist wieder aufgetaucht, etwas, was mich nach dem Aufwachen in der Nacht noch mehr irritiert hat als die Hitze und das Licht.
Der Geruch, der Qualm, der nach mehr roch als nach verbranntem Holz und verkohltem Plastik. Der Feuerwehrmann, der mich an der Schulter gepackt mit sich zog, in eine andere Richtung als dort, wo ich hinsah. Der Gedanke, dass das Feuer in der Wohnung unter mir ausgebrochen war, bei der alten Frau, die ich manchmal auf ihrem Balkon hatte sitzen sehen. Die alte Dame, die ohne ihre Gehstützen nicht einmal bis zur Haustür kam.
In dem Gedankenchaos, das in der Nacht in meinem Kopf herrschte, konnte ich den Gestank des Rauchs und die Worte des Feuerwehrmannes „Sie ist nicht mehr zu retten“ nicht miteinander verknüpfen.
Jetzt habe ich alles miteinander verknüpft. Ich habe meinen Geruchs- und Geschmackssinn wieder. Ich werde noch heute zu meinen Eltern fahren und ihnen sagen, dass ich kein Fleisch mehr essen kann.