für meine mutter

meine treueste leserin

10.8.08

todessehnsucht

die nächste geschichte folgte der weihnachtsgeschichte etwa 2 1/2 jahre später; alle texte dazwischen sind nicht der rede wert. im zweiten studiensemester belegte ich eine praktische übung zum thema schreiben. nachdem die gruppe in verschiedene interessengebiete (fantasy, märchen und science fiction) eingeteilt worden war, ging die frage an die kleine gruppe "fantasy", wer denn schon mal was geschrieben hätte. ich dachte irgendwie, dass sicher alle anwesenden den versuch schon mal gemacht hätten, so wie ich. zu meiner überraschung war ich die einzige, die die hand hob. alle andere fingen gerade erst an - ich durfte eine bereits angefangene bzw. zur bearbeitung verwendbare geschichte mitbringen. am ende des seminars wurde meine geschichte ausgewählt, um sie vor dem ganzen seminar vorzulesen.

meine andauernde vorliebe für fantasy und zimmer-bradleys einfluss ist immer noch deutlich erkennbar. ich war 21.


Qriste (IIa)


Ich habe alles mit mir machen lassen. Ich habe geschwiegen, als sie mir den Kopf rasierten, ich habe mich nicht gewehrt, als sie mich in den Wagen stießen, ich habe nicht versucht zu fliehen. Ich habe keine Regung gezeigt, als die anderen Gladiatoren mich anstierten, es machte mich nur noch starrer. Aber als sie dann gingen, als das Tor sich hinter ihnen schloss, hätte ich am liebsten geweint und geschrien. Ich wollte alles tun, alles, wenn sie mich nur wieder aus dieser Halle befreiten, die erfüllt war vom Gestank des Todes und verlorener Hoffnung. Ich wollte leben! Hätte alles gegeben, um meine Entscheidung rückgängig machen zu können, wäre doch seine Hure geworden, wenn ich dafür nur Licht und Leben gehabt hätte. Aber ich blieb stumm, angekettet vom Stolz.

Auch jetzt, während ich zusammengekauert in einer Ecke der Halle auf den Kampf warte, auch jetzt höre ich die Stimme in mir. Die Stimme schreit weit unter der Stahlplatte, die mein Innerstes versiegelt. Ich spüre die Angst sich wie einen fetten Wurm unter meiner Bauchdecke winden, unter meiner Lunge der Trotz: Ich will schreien, mich aufbäumen - nicht in die Arena gehen, in der ich zum ersten Mal und so oft danach zur Mörderin geworden bin, um mein eigenes Leben zu retten. Doch es war meine Wahl, ich habe mich selbst dazu gemacht. Sklavin sein heißt, seinen Körper für die Zwecke anderer hergeben zu müssen, und ich habe geglaubt, diese Art sei die bessere; ich wollte mich nicht seinem schmutzigen Willen fügen, nun bin ich selbst schmutzig.

Wie ein Salzstein würgt es mich in der Kehle. Ich weiß, auch die anderen Gladiatoren fragen sich, ob sie heute zum letzten Mal Angst haben, jeder versucht, die Schmerzen vorauszusehen, die jenseits der Tore warten. In der Anfangszeit, vor meinem ersten Kampf, glaubte ich noch, ich sei die einzige, die Angst hat; ich glaubte, die anderen seien schon erstickt an ihrem Schicksal. Jetzt weiß ich es besser: wir alle fürchten den Tod, aber jeder muss sich allein verteidigen.

Ich bleibe in mir selbst verkrochen, bis mein Name gerufen wird. Ich will den Tod nicht sehen, bevor er mich sehen will.

Schließlich werde ich zum Kampf gerufen. Ich fürchte, mich übergeben zu müssen, meine Arme sind schwach - schnell stehe ich auf, bevor sie nachgeben können. Ich trinke einen Schluck Wasser und nehme mein Schwert. Unter dem Torbogen begegnet mir ein Gladiator, der gesiegt hat; er weint. Ich beneide ihn um sein Gefühl, für einen kurzen Augenblick erkenne ich einen anderen Menschen. Dann stehe ich in der Arena, der Sand unter meinen Füßen ist heiß und blendend wie die Sonne über mir, die Menge um mich herum tost. Sie kennen mich, lieben mich, weil ich für sie töte. Ich hasse sie, sie wissen nicht, was der Tod ist; so lange andere ihm begegnen, ist er ein grandioser Schausteller. Ich hebe die Hand zum Gruß und wende mich dem Tor zu, aus dem mein Gegner tritt. Ein Vrunt, eine Kreatur der Wüste, die nichts von der Angst vor dem Tod weiß, weil sie nichts vom Leben weiß. In dem primitiven Körper ist keine Seele, ich gebe ihm keine Schuld, ich empfinde selbst keine Schuld.

Wir umkreisen uns langsam. Ich sehe seine schwere Keule pendeln, ich weiß, wieviel Schmerz sie bringt: keine Fleischwunden, nur zersplitterte Knochen. Ich will nicht töten. Ich schlucke und stürme vor, schließe die Augen, als mein Schwert in sein Fleisch fährt, ein zu vertrautes Geräusch. Aber ich treffe nicht, dort, wo ich sein Herz zerstoßen wollte, rutsche ich vom Knochen ab. Meine eigene Kraft kehrt sich gegen mich. Ich taumle, lasse mein Schwert fallen. Bevor ich weiß, dass ich verloren habe, fährt seine Keule herab, trifft meine Brust. In mir höre ich Rippen brechen; ich falle auf die Knie, wage nicht zu atmen. Mit jedem Keuchen sticht es in meiner Lunge, ich schmecke Blut, sauer wie kaltes, flüssiges Eisen. Ich habe die Augen geschlossen, ich höre das Zischen in der Luft. Wieder trifft mich seine Keule, mein Rückgrat seufzt auf, von der Last meines Körpers befreit - ich verliere die Beine im Schmerz. Der harte Sandboden in meinem Gesicht. Ich höre die Menge: sie jubelt dem Tod zu. Ich spüre den Vrunt über mir, öffne die Augen, um ihm zu danken für das Ende der Angst. Aber er versteht nicht, er ist nur ein Tier. Seine Bewegung, verlangsamt: er kniet neben mir und streckt die Hände aus. Die Schmerzen treiben davon, mein Geist krallt sich an ein Totengebet, das ich vor tausend Jahren gelernt habe: "Das Sterben ist lang, aber der Tod ist ewig. Der Tod ist Vergebung und Stille." Mein Kopf versinkt in den Pranken des Vrunt und die Erkenntnis erfüllt mich: noch einmal wird mein Rückgrat brechen, aber ich werde es nicht mehr hören.

11.6.08

christmas in june

versprechen muss man halten, und da ich demnächst erstmal 2 wochen weg bin, muss ich wohl vorher hier was leisten.

die vorgeschichte zum folgenden text: ich war 19 und in der tutorgruppe LK deutsch war eine weihnachtsfeier geplant. bitte texte zum vorlesen mitbringen, war die ansage, und ich als angehende literaturnobelpreisgewinnerin und ernstzunehmende nachwuchsautorin dachte mir, das ist die chance, deinen schulkameraden und -innen mal so richtig eine vorlese-erfahrung zu verpassen.

ich glaube, man kann sagen, dass mir das gelungen ist. nach der niedlichen geschichte mit dem pelzchen, deren richtiger name mir entfallen ist, kam dieser text wohl unerwartet.

vom heutigen standpunkt will ich gar nicht zu viel im voraus entschuldigen. ich war 19 und eingefleischte zimmer-bradley-leserin; außerdem hatte ich schon immer einen hang zur theatralik. ich übernehme die geschichte jetzt so, wie sie ist, unredigiert, von einem fast antiken ausdruck. aber jetzt kommt der text, ehrlich.

lachen ist übrigens gestattet.


Eine Fabel

An einem Winterabend, an dem die Kälte fast sichtbar wie Eiszapfen in der dunklen Luft hing, trabte ein einsamer Wolf durch den Wald. Man wird sagen hören, dass Wölfe immer in Rudeln leben, außer wenn sie sehr sehr alt sind und bald sterben, aber dieser Wolf, in dessen Augen eine unlöschbare Einsamkeit hing, dieser Wolf war allein. Es gab kein Rudel, in dessen atmender Wärme er hätte schmelzen können. Dieser Wolf trabte durch den Wald, der wie erstickt war unter dem dämmenden Schnee, und ab und zu krächzte er einen einsamen Laut. Sein Körper hatte keine Konturen mehr, er war so kantig und steif wie die Winterluft. Nicht nur seine Rippen stachen hervor, auch an seinen Beinen schien das Fell direkt aus den Knochen zu wachsen. Vor Hunger lief das heiße Wasser aus seinem Maul, doch es gefror gleich auf seinen Lefzen. Er trabte mit der Sinnenlosigkeit der Einsamen, der Hungrigen und Erfrierenden: er atmete so heftig, als wolle er das Leben zu Ende bringen, das noch warm aus ihm dampfte.

Auf einer Lichtung im selben Wald hing ein Rehbock gefangen in einer Schlinge. Auch sein Fell war gefroren, der Angstschweiß hatte winzige Zapfen gebildet, und während der Rehbock seinen verzweifelten Kampf austrug, klirrte es wie ein verspottendes Glockenspiel. Seine Augen starrten in die Ferne, sein Maul war aufgerissen und das Blut an seinem Hals brach immer von Neuem hervor, wenn er sich der vermeintlichen Freiheit entgegen wand.

Unbeschreiblich ist das Entsetzen, das sein erlahmendes Herz erneut antrieb, als der Wolf die Lichtung betrat. Gefrorenes Gras,
Sträucher, die Kälte selbst stand wie eine Mauer zwischen ihnen. Hätte der Rehbock nicht versucht, die Beine fest auf den Boden zu stellen, um vor seinem Feind zu fliehen, hätten die kalten Augen des Wolfes ihn vielleicht nie bemerkt. Doch der Bock konnte den Impuls nicht unterdrücken und so trabte der Wolf auf ihn zu, um seine geiferfeuchten Zähne in ihn zu jagen.

Doch das tat er nicht. Er stand wie gebannt, für einen Augenblick trafen sich die Blicke des Wehrlosen und des Verzweifelten, dann begann der Rehbock wieder zu treten und zu zappeln, sinnlose Bewegungen der Flucht. Der Wolf stand und der Rehbock glaubte schon fast, er sei vor Kälte erstarrt, da zog der Wolf die Hinterläufte an und ließ sich nieder, mit wie zum Grinsen gebleckten Zähnen. Der Bock trat weiter und weiter, obwohl er selbst wußte, dass es kein Ziel gab, das er erreichen konnte. Schließlich sank er herab, die steifen Beine wie Stelzen, fremd, vom Körper weg streckend. Eines knickte ein, worauf sich die eisige Schlinge sofort fester um seinen Hals zog. Er hievte sich keuchend hoch, doch seine Kraft trug ihn nur noch so weit, dass ihm sein Gewicht nicht zum Verhängnis wurde. Er starrte wie wahnsinnig zu dem Wolf, der noch immer saß und blickte wie die Winternacht, geduldig und kalt.
"Du", sagte er, "warum tötest du mich nicht, was? Warum tust du nicht das, wonach sich dein böses Mau sehnt, mein Fleisch reißen, mein Blut lecken, was?!"
Der Wolf blinzelte, genoss für einen Moment die Wärme, mit der seine Lider die erfrorenen Augen bedeckten.
"Heute ist ein besonderer Abend für die Menschen."
"Was gehen sie mich an, die grausamen Wesen, die uns töten, ohne sich die Hände zu beflecken! Dank ihnen bin ich hier gefangen, der Kälte ausgeliefert!"
Der Wolf fletschte die Zähne und schwieg. Der Bock begann wieder zu kämpfen, vom Zorn angetrieben. Als wolle er diese Quelle der Wärme, der Energie aufrecht erhalten, keuchte er weiter: "Warum kommst du nicht und bringst mich um? Fürchtest du die grausamen Kreaturen, denen du die Beute stiehlst? Wenn du mich tötest, werde ich nicht klagen, dann das wäre Natur, nicht der künstliche Tod, den die Menschen mir bereiten!"
Der Wolf erhob sich und schlich unruhig hin und her.
"Du kannst mich nicht verstehen, du kennst nicht diese Einsamkeit, die kälter ist als der Winter und beißender als der Hunger."
"Was kümmert mich deine Einsamkeit, Wolf! Du willst mich fressen - für mich macht es keinen Unterschied, ob es ein Wolf oder ein Rudel ist!"
Der Wolf setzte sich wieder und hielt den Schädel schief.
"Ich möchte jemandem ein Geschenk machen. Ich möchte Dankbarkeit spüren, bevor mein Leben versickert. Dich will ich beschenken."
Der Rehbock hielt inne.
"Ich möchte dir das schenken, was du dir bald mehr wünschen wirst als alles andere. Den Tod."

Die Momente, die darauf folgten, waren still und dunkelblau vor Kälte. Der Himmel lag wie eine Eisschicht über der Welt, wie eine Samtdecke, die jeden Ton erstickt. Die Bäume wurden schwärzer, die Kälter immer lauter, je stiller der Wolf in seiner Geduld und der Rehbock in seinem verzweifelten Kampf. Noch immer wehrte sich der Bock, er trat, zappelte, raste; der Schaum, der ihm vor das Maul trat, gefror. Das Blut machte den Draht warm und glatt, der Dampf, der von dem zuckenden Körper aufstieg, ließ die Augen des Wolfes glitzern.
Die erfrorene Zeit verging und schließlich kreischte der Rehbock: "Jetzt, Wolf, jetzt wünsche ich mir den Tod; bitte, bitte töte mich, befreie mich aus der Qual!"
Der Wolf machte einen Satz auf ihn zu, doch der Ausdruck in den Augen seines Opfers hielt ihn zurück.
"Du fürchtest dich noch immer, Reh, du hast den Wunsch nicht von Herzen, sondern aus Furcht."
Und er setzte sich wieder, ohne den Blick zu senken. Der Bock schluchzte nur noch und rappelte sich ab und zu kraftlos hoch. Es gab nichts mehr, was ihn trieb. Weitere Zeit verstrich, das erschöpfte Zucken des Rehs war das einzige Zeichen für den schwerfälligen Fluss der Minuten. Nun ließ er sich hängen, der Draht am Hals, die Kälte der Glieder, es machte keinen Unterschied, es war alles ein einziger eisiger Mantel aus Schmerz.

Seine Lider flatterten, er blickte zum Wolf hinüber, ohne Ausdruck. Der Wolf kam zögernd heran. Leise ging der Hauch eines einzigen Wortes über die Gräser: "Bitte-"
Und der Wolf legte endlich, endlich seine Kiefer an den Hals des Rehbocks und mit glühenden Augen senkte er die Zähne in das dankbare, weiche, nachgiebige Fleisch.

Es war Weihnachten.

9.6.08

wiederkehr

auch wenn es noch einige zeit dauern wird, bis ich wieder einen langen text verfassen werde, heißt das noch lange nicht, dass dieses blog brachliegen muss. wie also nebenan angekündigt, wird es hier demnächst wieder den einen oder anderen text zu lesen geben. nichts neues, sondern lauter olle kamellen, nur frisch rundgelutscht, will sagen: es sind jugendsünden, die ich nur mit dem einen oder anderen kritischen eingriff mildern möchte.

ich behalte mir vor, dies nicht chronologisch zu tun; außerdem, anfallende kritik nach eigenem ermessen als berechtigt oder schmeichelhaft zu beurteilen und dementsprechend auch einfach nicht zu veröffentlichen. das hier ist kein kaffeekränzchen, sondern meine spielwiese.

1.8.06

V - Liebesnacht

Von meinem Fenster in meinem Haus auf meinem Hügel kann ich den Weg sehen, der dich zu mir bringt.
Ich stehe dort und halte Ausschau. Endlich, wenn du kommst, wirbeln die Räder deines Wagens den Staub auf, der dann in Wolken zwischen den hohen Tannen schwebt.
So endlos lang erscheint mir die Zeit, die du brauchst vom Anfang des Weges bis zu meiner Tür, dass ich glaube, die Körnchen zählen zu können. Schwerelos glitzert jeder einzelne Staubpartikel im Licht der untergehenden Sonne; millionenfach wie die Augenblicke, die ich gezählt habe, seit du mich zuletzt verlassen hast.
Nur Millimeterweise kommst du voran, so langsam, als müsstest du gegen einen schweren Wind ankämpfen. Unter deinem Wagen dehnt sich der Weg, den wir so oft hinunter und wieder hinauf gegangen sind. Ich wünsche mir, dass du schneller fährst, schneller bei mir bist, doch stattdessen wird jede Sekunde länger, je näher du kommst.
Schließlich bist du schon fast da, schon fast an der Tür, und ich will dir entgegengehen. Wie Gewichte hängt die Zeit an mir, sie hält mich auf. Ich will die Treppe hinuntereilen, aber ich wate nur durch dichte Luft, durch Sehnsucht, die sich angesammelt hat seit unserem letzten Treffen.

Dann stehst du vor mir und wir küssen uns. Mit der ersten Berührung unserer Lippen beginnt die Zeit zu rasen. Wir stehen in der Tür und sehen uns an, schon sind wir in unserem Zimmer, liegen auf dem Bett und teilen einen Atem. Die Minuten und Stunden pulsieren immer rascher. Niemals bringen wir es fertig, alles zu sagen und alles zu tun, worauf wir so lange gewartet haben, denn die Zeit läuft gegen uns. Die Sonne versinkt, das Licht vergeht und die Sterne ziehen auf. Sie flirren und flackern im reißenden Strom der Augenblicke. Wir lieben uns und sprechen es aus. Kaum haben wir die Augen einmal geschlossen, versinken wir in Schlaf, in dem die Nacht vorüber rauscht. Schon wird es wieder hell, der Nebel steigt über den Wald, so rasch ist es Morgen geworden. Du musst gehen.

Ich stehe wieder an meinem Fenster und sehe dir nach, wie du davonfährst. Die Zeit, die eben noch floss wie Wasser, wird zäh und klebt an mir wie Honig. Dein Wagen entfernt sich, die Baumwipfel schwanken, gemächlich. Der Tag wird heiß werden, unerträglich, und lang. Ich weiß nicht, wie ich ihn verbringen soll, wie ich die Zeit dazu bewegen kann, rascher zu vergehen. Es ist eine Ewigkeit, bis du zurückkommst. Eine Ewigkeit, bis heute Abend.

15.7.06

IV - Wach auf

Dienstag, 2.5.06

Heute Morgen wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Der Arzt war noch einmal bei mir, etwas zerstreut. Erst, nachdem er noch einen Blick in meine Akte geworfen hatte, fiel ihm wohl wieder ein, wer ich bin. Er legte mir die Hand auf die Schulter und sagte, er hoffe, dass es mir bald besser ginge. Ja, habe ich gesagt, ich auch.
Jetzt bin ich in Alex’ Ferienhaus. In meine Wohnung kann – und will ich zurzeit nicht zurück. Bei dem Gedanken daran, wie es dort jetzt aussehen muss, wird mir mulmig. Erst, wenn die Versicherung da war, und Alex und meine Mutter alles geregelt und aufgeräumt haben, werde ich vielleicht wieder einziehen. Vielleicht gehe ich aber auch nur zurück, um meine Sachen zu packen. Ich weiß es noch nicht. Ich bin froh, dass ich mich darum jetzt nicht kümmern muss.

Hier ist es einsam, darüber bin ich auch froh. Das Haus liegt am äußersten Rand des Feriengebietes, direkt am Wald. Wenn ich aus der Tür trete, sehe ich nur die anderen, leer stehenden Häuser und die Bäume. Ein guter Platz, um sich zu erholen.
Ich bin mit allem versorgt, meine Mutter hat mir eine große Kiste gepackt, aber ich habe immer noch keinen Appetit. Ich kann auch immer noch nichts riechen. Nachdem der HNO-Arzt und der Neurologe sich an meinem „Fall“ die Zähne ausgebissen haben, hat sich der Psychotherapeut des Krankenhauses an mir versucht. Aber außer viel Gerede kam dabei nicht heraus. Am Ende habe ich mir nur noch gewünscht, in Ruhe gelassen zu werden. Ich denke, er hat das gemerkt, fast tat er mir ein bisschen leid. Ich hätte ihm einen Triumph gegönnt, aber die Erkenntnis, dass ich offenbar an einem Trauma leide, war nicht gerade schwer zu erlangen, und geändert hat sie auch nichts.
Den letzten und einzig wertvollen Ratschlag befolge ich jetzt: Ich gönne mir Ruhe – und führe Tagebuch. Vielleicht finde ich beim Schreiben irgendwie heraus, was mit mir los ist.
Ich werde versuchen, meiner Mutter den Gefallen zu tun und „ordentlich essen“. Es fällt mir schwer, mehr als ein paar Bissen hinunterzuwürgen. Da alles nach nichts schmeckt, bin ich schnell satt.



Mittwoch, 3.5.06

Ich habe ziemlich schlecht geschlafen. Nachdem ich gestern Nachmittag alles eingeräumt hatte, habe ich den ganzen Abend gelesen, um zwölf war ich im Bett. Ich bin auch schnell eingeschlafen, aber dann bald wieder hoch geschreckt – ich nehme an, ich habe von der Nacht geträumt, kann mich aber nicht genau erinnern. Dann lag ich wach, mit Herzrasen und schweißgebadet. Bin dann einmal durch das ganze Haus getigert und habe alle Elektrogeräte überprüft und die Stecker gezogen, und bevor ich alle Lampen angeschaltet habe, war ich in der Küche und habe im Boiler nach der Flamme gesehen.
Als ich wieder im Bett war, war die Angst nicht mehr so groß, aber dafür war ich nicht mehr müde. Wie ich so im Dunklen lag, kam die Erinnerung an die Nacht ziemlich stark zurück, aber ich bin dafür noch nicht bereit. Natürlich weiß ich nicht, ob ich dafür jemals bereit sein werde oder ob ich mich dem einfach werde stellen müssen, ohne mich bereit zu fühlen... ein ziemliches Dilemma. Jedenfalls, heute nacht habe ich versucht, meine Gedanken auf die Zukunft zu richten, aber da die auch ungewiss ist, musste ich schon bald das Licht anschalten und weiter lesen. Als es draußen heller wurde, fielen mir dann doch die Augen zu.

Ich habe dann bis fast mittags geschlafen. Es regnet und der Weg in die Stadt – das Städtchen – ist ziemlich weit. Ich frage mich, was Alex in seinen Ferien hier macht. Aber wahrscheinlich kommt er nur im Sommer her. Wenn ich nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher verbringen will, muss ich mir irgendetwas ausdenken. Vielleicht ist etwas in Mutters großer Kiste.

Ich kann immer noch nichts riechen. Meine Mahlzeit gestern bestand aus zwei Scheiben Brot mit Butter. Wahrscheinlich gibt es Menschen, die für diese Art der Diät viel Geld ausgeben würden.




Samstag, 6.5.06

Am Donnerstag klarte der Himmel auf, es war sogar richtig mild. Ich habe mich auf den langen Weg in den Ort gemacht, um mich dort ein wenig umzusehen. Ein verschlafenes Städtchen, aber ich kann mir vorstellen, dass im Sommer hier mehr los ist. Ich verstehe jetzt besser, warum dieser kleine Ort so ein großes Gebiet mit Ferienhäusern hat.
Neben dem Schloss und dem Park gibt es auch eine gut sortierte Buchhandlung und ein ebenso gut sortiertes Schreibwarengeschäft, Ich habe mich mit Lektüre und Zeichenutensilien ausgerüstet und mir ein Taxi zurück gegönnt.
Gestern war ich im Wald und auf den Feldwegen spazieren. Mein Haus (Alex’ Haus) steht auf der Höhe eines Hügels, und wenn man den Wald hinter sich lässt, hat man einen wunderbaren Blick über die Landschaft und die nächstgelegenen Dörfer. Ich habe mir einen schattigen Platz unter Bäumen gesucht und angefangen zu zeichnen. Mir ist jetzt klar, warum man Beschäftigungstherapie macht – während ich so beschäftigt war damit, das Bild der Landschaft auf Papier zu bringen, sind meine Gedanken zwar gewandert, aber auf ganz ruhige Art. Ich habe nicht gegrübelt, sondern bin ganz unbewusst zu der Erinnerung an die Nacht gekommen, und ich habe keine Angst dabei gefühlt. Ich war ganz ruhig bei einer friedlichen Beschäftigung und die Bilder waren wie ein Film in meinem Kopf.

Ich habe das blaue, rhythmische Licht wieder gesehen, dass mich geweckt hat. Ich konnte mich erinnern, wie heiß es mir war. Ich war ziemlich verwirrt und habe mich erst nur im Bett aufgesetzt. Ich habe auf meinen Wecker geschaut und mich gewundert, dass es mitten in der Nacht war. Dann wurde mir das Licht erst richtig bewusst und ich bin zum Balkon gegangen. Der Schweiß lief mir schon in Strömen. Als ich die Balkontür aufmachte, wurde es noch heißer. So verschlafen wie ich war, konnte ich mir keinen Reim darauf machen – es ging in meinem Kopf nicht zusammen mit dem Nebel, der vor dem Balkon herrschte. Erst, als ich auf den Balkon hinausgegangen war und der Beton unter meinen Füßen so heiß war und ich unten auf der Straße die Feuerwehrwagen sah, wurde ich richtig wach und wusste auch, was geschehen sein musste. Der Rauch kam direkt aus der Wohnung unter mir. Danach ist meine Erinnerung merkwürdigerweise noch verschwommener als diese kurze Zeit davor, in der ich ja fast im Halbschlaf geblieben war. Ich weiß nur noch, dass der Feuerwehrmann, der mich aus dem Haus holte, mich viel zu fest um die Schulter gefasst hatte, den blauen Fleck konnte ich noch eine Woche später spüren. Es ging zwar alles sehr schnell, aber trotzdem sehe ich noch, wie der Rauch schon durch die Ritzen meines Holzbodens drang – oder war das das Holz selbst, das durch die Hitze anfing zu kokeln? Auf jeden Fall spiegelte sich im Helm des Mannes das orange Licht des Feuers und er sagte irgendetwas von „nicht mehr zu retten“.
Unten auf der Straße, bei den Sanitätern, wurden mir die Knie weich. Ich starrte zu dem Balkon unter meinem hinauf und sah, wie die Flammen eine Rußspur bis unter das Dach legten. Irgendwann gab mir einer der Sanis einen Schluck Wasser und eine Spritze. Und dann war ich im Krankenhaus.

Diese Erinnerung hat mich gestern ziemlich beschäftigt. Irgendwann in meiner Grübelei hatte ich wohl auch aufgehört zu zeichnen, ich saß nämlich nur noch da, mit dem Stift in der Hand, und starrte auf den Horizont. Mit einem richtigen Schütteln bin ich wieder zu mir gekommen, zum Zeichnen war ich nicht mehr in der Stimmung. Aber den ganzen Abend habe ich darüber nachgedacht, wie genau ich mich an manches erinnere und wie wenig an anderes. Die verschiedenen Farben des Lichtes, die Hitze, der Griff des Feuerwehrmannes und das Pieksen der Spritze, daran erinnere ich mich – aber obwohl ich den Rauch und die Flammen vor mir sehe, kann ich mich nicht daran erinnern, etwas zu riechen. Es scheint, als sei mir nicht nur mein gegenwärtiger Geruchssinn abhanden gekommen, sondern auch die Erinnerung daran.

Dieser Gedanke hat meinen Appetit nicht gerade gesteigert. Salat fühlt sich an wie Altpapier, wenn man ihn nicht schmecken kann.


Montag, 8.5.06

Gestern und heute habe ich noch mehr darüber nachgedacht, was mit meiner Geruchserinnerung los ist. Mir ist dabei etwas ganz deutlich geworden: ich erinnere mich nur nicht an die Gerüche dieser Nacht.

Ich bin nämlich gestern durch den Wald spaziert und habe das sehr genau überprüft. Es hatte Samstag auf Sonntag geregnet und im Wald tropfte es noch von den Blättern. Schon als ich aus dem Haus trat und die Pfützen auf dem Weg sah, habe ich überlegt: Wie riecht nasser Asphalt? Bei jedem Schritt habe ich mir etwas gesucht und mich gefragt: Wie riecht das? Der nadelbedeckte Waldboden, das junge, hellgrüne Laub an den Bäumen, ein paar letzte Krokusse und die ersten Maiglöckchen – ich konnte es zwar jetzt nicht riechen, aber ich hatte doch wenigstens eine vage Erinnerung daran, wie sie früher für mich gerochen haben. Als mir das soweit klar war, habe ich versucht, an das Kaminfeuer zuhause zu denken und wie das zu Weihnachten gerochen hat. Das ist mir auch gelungen. Aber bei dem Versuch, den Geruch des Rauches zu erinnern, der vom unter mir gelegenen Balkon aufstieg, kam ich nicht weiter.

Ehrlich gesagt, ich habe es so sehr versucht, dass ich Kopfschmerzen bekam. Daraufhin habe ich mich lieber wieder den schönen Dingen im Wald zugewandt und mich darüber gefreut, dass ich wenigstens das Gefühl hatte zu riechen. So ein Frühlingswald ist einfach zu schön, als dass ich ihn nicht genießen könnte. Wie die Tropfen im Sonnenlicht glitzern und der Himmel zwischen den Blättern so weit entfernt scheint und die Blätter so jung und saftig... ein bisschen habe ich mich dabei dann doch erholt. Ich hatte danach sogar soviel Hunger, dass ich mehrere Scheiben Brot vertilgte. Obwohl sie immer noch nach nichts schmeckten und sich wie Matsch im Mund anfühlten.


Mittwoch, 10.5.06

Ich habe gestern einen Schock erlitten. Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren darüber, was es zu bedeuten hat, aber irgendetwas bedeutet es.

Ich habe mich nach dem Duschen im Spiegel betrachtet und festgestellt, dass ich ungesund aussehe. Richtig abgemagert. Also habe ich mir vorgenommen, eine ganze richtige Mahlzeit zu mir zu nehmen, koste es, was es wolle.
Bei Mamas Vorräten waren auch ein paar Steaks, die ich in die Tiefkühltruhe geräumt hatte. Ohne Appetit, aber mit umso viel mehr Willen habe ich mir die in die Pfanne gehauen – und dann habe ich den Fehler gemacht, sie aus den Augen zu lassen. Ich wollte nur kurz den Müll weg bringen, und habe mir dabei gedacht, ich kann auch gleich alle Mülleimer ausleeren. Dabei bin ich in eine Aufräumwut geraten... jedenfalls habe ich die Steaks zwischendurch vergessen. Ich habe ja auch nichts gerochen. Noch nicht.
Schließlich ist mir die Pfanne in der Küche doch siedendheiß wieder eingefallen. Die Küche war schon voller Qualm und als ich hustend am Herd stand, kam mit dem Anblick des schwarz verkohlten Fleisches mein Geruchssinn mit voller Wucht zurück. Ich war plötzlich eingehüllt von dem Gestank, den das Fleisch in der Pfanne hervorbrachte, und musste nicht mehr nur Husten, mir schossen sofort die Tränen in die Augen. Ich schaffte es gerade noch, die Pfanne von der heißen Platte zu ziehen und den Herd auszuschalten, danach rannte ich gleich ins Wohnzimmer und brach dort zusammen. Ich konnte mich gar nicht mehr beruhigen. Ich wusste nicht, warum, aber ziemlich lange habe ich nur geschluchzt und meinen Kopf in den Armen vergraben.
Langsam verging der Weinkrampf dann doch, aber ich war den ganzen restlichen Abend so schwach, dass ich kaum etwas tun konnte als vor mich hinzustarren. Hunger hatte ich überhaupt keinen mehr. Irgendwann ziemlich spät bin ich ins Bett gekrochen und habe sehr unruhig geträumt.

Jetzt denke ich die ganze Zeit darüber nach. Es hat etwas zu bedeuten und in einer meiner Gehirnwindungen weiß ich auch, was. Aber es ist wie mit einem entfallenen Namen – je mehr ich mich anstrenge, es zu greifen, desto mehr entwischt es mir.
Vielleicht kommt es zu mir, wenn ich mich entspanne. Das fällt mir allerdings sehr schwer, nach der Anstrengung von gestern und mit so leerem Magen. Ich traue mich nicht mehr in die Küche.


Samstag, 13.5.06

Ich werde morgen zurück nach Hause fahren. Zu meinen Eltern. Ich kann jetzt nicht mehr alleine bleiben. Ich weiß jetzt, was mit mir los war.

Die letzten paar Tage habe ich versucht, nicht zu grübeln. Ich habe wieder ein paar Schritte in die Küche getan und mit Schrecken festgestellt, dass mein Geruchssinn scheinbar wiederhergestellt ist – denn der Geruch, der meinen Zusammenbruch ausgelöst hat, ist immer noch da. Ich habe schnell die Fenster aufgerissen und mir irgendetwas zu beißen gegriffen. Abends bin ich nur kurz zurück in die Küche, um die Fenster wieder zu schließen und mehr zu essen zu holen.
Ich schmecke wieder – es kam langsam, aber inzwischen deutlich. Ein Hungergefühl wurde mit jedem Bissen, den ich schmecken konnte, mehr – ein komisches Gefühl.

So weit, so gut. Aber warum kann ich wieder riechen und warum hat mich dieser erste Sinneseindruck so sehr mitgenommen? Darüber habe ich, wie gesagt, versucht nicht nachzudenken. Ich habe gelesen, ich bin spazieren gegangen, ich habe gebastelt, ferngesehen und geputzt. Und heute Nacht habe ich geträumt. Seit dem Aufwachen heute morgen weiß ich, was los war.

Ich kann es nicht niederschreiben. Eine Erinnerung, die mir noch gefehlt hat, ist wieder aufgetaucht, etwas, was mich nach dem Aufwachen in der Nacht noch mehr irritiert hat als die Hitze und das Licht.
Der Geruch, der Qualm, der nach mehr roch als nach verbranntem Holz und verkohltem Plastik. Der Feuerwehrmann, der mich an der Schulter gepackt mit sich zog, in eine andere Richtung als dort, wo ich hinsah. Der Gedanke, dass das Feuer in der Wohnung unter mir ausgebrochen war, bei der alten Frau, die ich manchmal auf ihrem Balkon hatte sitzen sehen. Die alte Dame, die ohne ihre Gehstützen nicht einmal bis zur Haustür kam.
In dem Gedankenchaos, das in der Nacht in meinem Kopf herrschte, konnte ich den Gestank des Rauchs und die Worte des Feuerwehrmannes „Sie ist nicht mehr zu retten“ nicht miteinander verknüpfen.

Jetzt habe ich alles miteinander verknüpft. Ich habe meinen Geruchs- und Geschmackssinn wieder. Ich werde noch heute zu meinen Eltern fahren und ihnen sagen, dass ich kein Fleisch mehr essen kann.

15.6.06

intermission

es wird an dieser stelle eine unregelmässigkeit geben, die nicht auf die wm, sondern auf meine anstrengende tätigkeit als arbeitssuchende und fortbildende zurückzuführen ist. der ausfall wird so bald als möglich behoben.

14.5.06

III - Dunkle Materie

D., 20.04.06
Lieber M.,

nach so langer Zeit muss ich es doch wieder wagen, Dich anzuschreiben. Man sagt ja, Blut ist dicker als Wasser, und vielleicht hast Du ebenso sehr unter der Distanz zwischen uns gelitten wie ich.
Ich erinnere mich daran, wie Du bei unserer letzten Begegnung gesagt hast, Du wollest nie wieder etwas von mir hören, schon gar keine guten Ratschläge. Ich weiß noch, wie ich dachte, Du hättest das nur im Zorn gesagt. Schließlich sind wir Familie, und in der Familie „macht man das nicht“ – ich dachte, früher oder später würden wir schon wieder Kontakt aufnehmen, wie es sich für Geschwister gehört. Auch nach einem halben Jahr glaubte ich noch immer, unser Verhältnis würde schon wieder gekittet werden. Erst, als ich erfuhr, dass Du geheiratet hattest, ohne mir auch nur eine Mitteilung zu senden, geschweige denn mich einzuladen, und dann auch noch V., mit der ich damals nie einverstanden gewesen wäre – erst da wurde mir klar, dass Du tatsächlich alle Brücken abgebrannt und mit unserer Vergangenheit, unserer Familie abgeschlossen hattest.
In den vergangenen Monaten habe ich oft, und immer öfter mit großer Reue, darüber nachgedacht, dass ich über alle Differenzen hinweg stärker hätte sein müssen und Dir hätte sagen müssen, wie sehr ich mich über Dein Glück gefreut habe. Je länger unser Streit zurück lag – je mehr Dein Leben sich meinem Überblick entzog, desto mehr begann ich, unser Verhältnis, Dich und mich als voneinander verschiedene Personen, mit anderen Augen zu betrachten.
Vielleicht freut es Dich zu hören, dass auch ich geheiratet habe – schon vor fast einem Jahr, und ich bin sehr glücklich mit meinem Mann. Mein eigenes Glück hat dazu beigetragen, dass ich anders darüber denke, wie vehement Du Dich für Deines eingesetzt hast. Ich weiß jetzt, dass ich es Dir zeit Deines Lebens an Freiheit und Vertrauen habe mangeln lassen. Mein ewiges Fordern nach etwas immer noch Besserem muss dir das Gefühl vermittelt haben, ich gönne Dir in Wahrheit nichts wirklich. Bitte glaube mir: So ist es nicht gewesen, ich wollte tatsächlich immer nur das Beste für Dich. Was ich erst in der letzten Zeit verstanden habe, ist jedoch, dass Du selbst entscheiden musstest, was dieses Beste für Dich ist, und ich Deiner Wahl, Deiner Entscheidung nicht ständig mit Kritik hätte gegenüber stehen dürfen.
Diese Erkenntnis ist mir in den vergangenen Monaten gedämmert, während ich viel über mein eigenes Glück nachgedacht habe – darüber, was Glück für mich bedeutet, dass es manchmal in einer einfachen Entscheidung liegen kann.
Diese Erkenntnis ist nicht neu und nicht der Anlass für mein Schreiben. Tatsächlich fällt es mir schwer, Dir das zu schreiben, worum es eigentlich geht. Die ganze Wahrheit, wie sie sich mir erst vor kurzem offenbart hat, erlöst mich nicht von der Schuld, die ich bis zu unserem endgültigen Zerwürfnis auf mich geladen habe, im Gegenteil – aber ich werde versuchen, sie Dir voll und ganz zu beichten, ohne mich zu schonen.

Wenn ich von vorne beginnen soll, so muss ich zuerst sagen, dass ich nicht nur geheiratet habe, sondern vor kurzem auch schon Mutter geworden bin. Ja, unser kleiner Junge ist gesund und wunderschön, mein Mann und ich sind sehr glücklich mit unserer kleinen Familie. Natürlich bedeutet ein Baby auch viel Stress und Aufregung, aber das nehmen wir gerne in Kauf. Doch seit ich mit dem Kleinen aus dem Krankenhaus zurück bin, belastet mich etwas ganz besonders, was nichts mit den alltäglichen Mutterpflichten zu tun hat. Seit der Kleine bei uns in seinem Bettchen liegt, habe ich – wenn ich Schlaf genug bekomme, um zu träumen – immer wieder Albträume. Mein Arzt meint, das sei an eine Wochenbett-Depression, aber die typischen „unerklärlichen“ Weinkrämpfe habe ich schon fast vollständig hinter mir gelassen. Außerdem weiß ich, dass diese Träume wohl nicht hormonell bedingt sind, nicht nur, weil sich die Bilder immer wieder gleichen. Auch, weil mir klar geworden ist, dass sie kein Phantasieprodukt sind, sondern zu großen Teilen Erinnerungen.
In meinem Traum stehe ich am Bett meines Kindes hier in unserer Wohnung, aber gleichzeitig ist sein Kinderzimmer auch unser altes Wohnzimmer in B. Ich schaue auf das Bett hinunter, in dem mein Kind unter einer schweren Wolldecke liegt. Ich kann sein Köpfchen nicht sehen, aber ich weiß ganz genau, dass es mein Sohn ist. Ich weiß auch, dass die Decke zu schwer ist, aber ich stehe einfach nur da, mit den Händen am Bettgestell, und schaue. Auf der andern Seite des Bettes stehen Mama und Papa. Ich bin ich, wie ich jetzt bin, und die beiden müssen zu mir hoch schauen, während sie beide unentwegt auf mich einreden, dass dort mein kleiner Junge liegt und ich aufpassen muss, ich muss auf ihn Acht geben und ihn beschützen.
Weißt Du das noch, wie unsere Eltern uns immer nur zusammen haben gehen lassen? Und wie uns das geärgert hat? Ich erinnere mich daran, wie ich Dich früher, als wir klein waren, dann an der Hand genommen und Dich weggezogen habe, weggezerrt ist vielleicht das bessere Wort... Ich bin damals schon oft ungerecht gewesen und habe Dich, wenn wir außer Sichtweite der Eltern waren, getriezt und herumgescheucht, bis Du geweint hast. Dann habe ich Dich flennend bei Mama abgegeben, wofür ich meist eine Standpauke bekam. Aber ich war Dich losgeworden.
Später, als wir beide pubertierten, hast Du zu den Ermahnungen unserer Eltern nur die Augen gerollt. Wir haben uns besser verstanden, aber wir waren so unterschiedlich! Ich war ja so viel älter – 3 Jahre zwischen einer Schwester und ihrem kleinen Bruder, das ist fast schon eine Generation. Dass ich Dich abends mit meinen Freunden mitnahm, kam natürlich nicht in Frage, also musste ich mit zu Deinen kindischen Jungen-Veranstaltungen, oder Du musstest zu Hause bleiben. Mein Gott, das einzige, was wir teilten, war der Ärger über die Eltern! Trotzdem habe ich es nie als falsch empfunden, was Mama und Papa von mir forderten – nervig, ja, aber notwendig. Und als wir später so weit waren, dass wir hinter dem Rücken der Eltern doch getrennte Wege gingen, hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich Dich schutzlos ziehen ließ. Schutzlos, ja, so habe ich das empfunden.
Ich kann keine Absolution verlangen für das, was aus diesem Beschützeranspruch wurde. Die Erziehung der Eltern kann nicht entschuldigen, dass ich Deine Freundschaften mit meinen Misstrauen und Verdächtigungen verdarb, und noch weniger die offene Feindseligkeit, mit der ich Deine wechselnden Freundinnen konfrontierte. Sie wechselten ja nur, weil es keine mit mir aufnehmen wollte! Nein, dafür kann ich keine Vergebung verlangen, aber vielleicht verstehst Du es, mich, besser, wenn du das hier liest.
In meinem Traum, wegen dem ich Dir schreibe, höre ich also unsere Eltern, drängend, fordernd, unablässig auf mich einreden, und ich fühle, wie sich in meinem Bauch ein großer Klumpen Wut formt. Ich sehe auf das Kinderbett nieder, und greife mit beiden Händen hinein. Ich will meinen Sohn an mich nehmen und weggehen, den Eltern den Rücken zu wenden. Ich weiß nicht, ob Du es nachvollziehen kannst, was die Verantwortung, die Mama und Papa mir auferlegt haben, für mich bedeutete – ich weiß, dass Du mich als Last empfunden hast, aber weißt Du, welche Last ich zu tragen hatte?
Wenn ich im Traum nach meinem Sohn greife, rückt das Kinderbett immer weiter von mir weg, ich muss hinterher laufen und komme damit den Eltern immer näher. Dabei wachsen sie – oder ich schrumpfe, in dieser Traumwelt ist beides eins. Auf einmal sind Mama und Papa größer als ich und schauen auf mich herab, wie ich endlich das Bett erreiche, in dem das Kind, mein Sohn unter der Decke liegt. Ich greife hinein und packe fest zu, fasse die Decke und das Kind darunter, so fest ich kann, und ziehe das Bündel an mich. Die Eltern stehen über mir und reden immer noch auf mich ein. Ich habe Angst vor ihnen und bin gleichzeitig schrecklich wütend, und ich presse das Bündel mit meinem Kind an mich, ohne die Decke vom Kopf meines Sohnes zu nehmen. Ich halte ihn einfach nur fest, weil ich weiß, dass die Eltern erst aufhören werden, mich zu ermahnen, wenn sie sehen, wie gut ich auf ihn aufpasse. Erst, wenn das Kind in meinem Arm ganz sicher und ruhig und still ist, werden die Eltern auch still sein und mich in Ruhe lassen.
Mein Mann sagt, er merkt, wenn ich diesen Traum habe, weil ich ihm dann die Decke wegziehe. Er hat schon oft versucht, mich zu wecken, indem er an seinem Ende der Decke zerrt, aber ich halte sie zu fest, und ich wache auf nicht auf, wenn er meinen Namen ruft.
Leider wache ich dann nicht auf, denn das Ende des Traumes verfolgt mich mit seinem Schrecken bis in die Tagesstunden.
Ich halte das Bündel mit dem Kind eng an mich gedrückt, und ich spüre, wie es unter der Decke immer heißer wird. Mama, die so viel größer ist als ich, beugt sich zu mir hinunter und will mir das Bündel wegnehmen. Sie schreit mich an und zerrt an der Decke, bis die mir aus den Armen rutscht. Mama greift sich das Bündel, ich kann den kleinen Kopf des Kindes sehen, und schreit mich an. Sie schreit immer das gleiche. „Er stirbt, er stirbt – Du bringst ihn um!“ Ich zerre jetzt nur noch an einem Zipfel der Decke und weiß, dass sie Recht hat. Ich schaue auf das Kind und habe plötzlich schreckliche Angst, ich denke: Mein Sohn ist tot! Aber dann kann ich das Gesichtchen sehen, ganz blau unter der Wolldecke, und ich sehe, dass es nicht mein Sohn ist, den Mama jetzt schüttelt. Ich reiße mit einem letzten Ruck die Wolldecke von dem Baby, und beim Anblick des kleinen leblosen Leibes fahre ich aus dem Schlaf auf.

Wenn ich mit meinem Mann über den Traum spreche, will er nichts davon hören – er sagt, es sei meine Angst als Mutter um mein schutzbedürftiges Kind, oder vielleicht davor, mein Kind mit meiner Liebe zu erdrücken. Aber ich weiß, dass der Traum nichts mit freudianischen Phantasien zu tun hat, weil ich mich an die Wolldecke und Mamas Geschrei erinnere.

Du bist gesund und am Leben, und ich war gerade drei Jahre alt – ich wußte nichts vom Sterben. Vielleicht war es ein Instinkt, der irrationale Wunsch nach ungeteilter Aufmerksamkeit, etwas Vor-Bewusstes, Animalisches wie der Nestschubs mancher Vögel. Wenn auch ein reales Gericht mich nicht verurteilen würde, weil ich Recht und Unrecht nicht unterscheiden konnte, ich mir der Konsequenzen meines Tuns nicht im Klaren sein konnte... es wurde ein Urteil gefällt an diesem Tag und eine Strafe verhängt, die ich zeit meines Lebens zu verbüßen versucht habe. Die Schuld, die Du mir wissend – und zu Recht – zusprichst, ist nichts im Vergleich zu der, die Du nicht kanntest und die ich heute mit schrecklichem Wissen tragen muss.
Ich weiß nicht, ob ich ein Recht auf Vergebung habe, ich weiß nicht einmal, ob ich das Recht habe, Dich mit meinem Gewissen zu belasten, Dich gar zum Richter zu machen. Vielleicht ist auch dieser Brief nur für mich selbst, um mir selbst zu erklären, was unser Leben in diese Bahnen geleitet hat. Denn das weiß ich, ob Du diesen Brief liest oder nicht: dass mein Leben mehr denn je, mehr als durch bloße Verwandtschaft, an Deines gebunden ist, dass ich mich meiner Verantwortung nicht entziehen kann.
Solltest Du diesen Brief nun vollständig gelesen haben, stelle ich mich Deinem Urteil. Selbst wenn Du diesen Brief ungelesen verbrennst, bin ich erleichtert, dass ich mich meinem strengsten Richter schon gestellt habe.
In Liebe
Deine Schwester L.