für meine mutter

meine treueste leserin

10.8.08

todessehnsucht

die nächste geschichte folgte der weihnachtsgeschichte etwa 2 1/2 jahre später; alle texte dazwischen sind nicht der rede wert. im zweiten studiensemester belegte ich eine praktische übung zum thema schreiben. nachdem die gruppe in verschiedene interessengebiete (fantasy, märchen und science fiction) eingeteilt worden war, ging die frage an die kleine gruppe "fantasy", wer denn schon mal was geschrieben hätte. ich dachte irgendwie, dass sicher alle anwesenden den versuch schon mal gemacht hätten, so wie ich. zu meiner überraschung war ich die einzige, die die hand hob. alle andere fingen gerade erst an - ich durfte eine bereits angefangene bzw. zur bearbeitung verwendbare geschichte mitbringen. am ende des seminars wurde meine geschichte ausgewählt, um sie vor dem ganzen seminar vorzulesen.

meine andauernde vorliebe für fantasy und zimmer-bradleys einfluss ist immer noch deutlich erkennbar. ich war 21.


Qriste (IIa)


Ich habe alles mit mir machen lassen. Ich habe geschwiegen, als sie mir den Kopf rasierten, ich habe mich nicht gewehrt, als sie mich in den Wagen stießen, ich habe nicht versucht zu fliehen. Ich habe keine Regung gezeigt, als die anderen Gladiatoren mich anstierten, es machte mich nur noch starrer. Aber als sie dann gingen, als das Tor sich hinter ihnen schloss, hätte ich am liebsten geweint und geschrien. Ich wollte alles tun, alles, wenn sie mich nur wieder aus dieser Halle befreiten, die erfüllt war vom Gestank des Todes und verlorener Hoffnung. Ich wollte leben! Hätte alles gegeben, um meine Entscheidung rückgängig machen zu können, wäre doch seine Hure geworden, wenn ich dafür nur Licht und Leben gehabt hätte. Aber ich blieb stumm, angekettet vom Stolz.

Auch jetzt, während ich zusammengekauert in einer Ecke der Halle auf den Kampf warte, auch jetzt höre ich die Stimme in mir. Die Stimme schreit weit unter der Stahlplatte, die mein Innerstes versiegelt. Ich spüre die Angst sich wie einen fetten Wurm unter meiner Bauchdecke winden, unter meiner Lunge der Trotz: Ich will schreien, mich aufbäumen - nicht in die Arena gehen, in der ich zum ersten Mal und so oft danach zur Mörderin geworden bin, um mein eigenes Leben zu retten. Doch es war meine Wahl, ich habe mich selbst dazu gemacht. Sklavin sein heißt, seinen Körper für die Zwecke anderer hergeben zu müssen, und ich habe geglaubt, diese Art sei die bessere; ich wollte mich nicht seinem schmutzigen Willen fügen, nun bin ich selbst schmutzig.

Wie ein Salzstein würgt es mich in der Kehle. Ich weiß, auch die anderen Gladiatoren fragen sich, ob sie heute zum letzten Mal Angst haben, jeder versucht, die Schmerzen vorauszusehen, die jenseits der Tore warten. In der Anfangszeit, vor meinem ersten Kampf, glaubte ich noch, ich sei die einzige, die Angst hat; ich glaubte, die anderen seien schon erstickt an ihrem Schicksal. Jetzt weiß ich es besser: wir alle fürchten den Tod, aber jeder muss sich allein verteidigen.

Ich bleibe in mir selbst verkrochen, bis mein Name gerufen wird. Ich will den Tod nicht sehen, bevor er mich sehen will.

Schließlich werde ich zum Kampf gerufen. Ich fürchte, mich übergeben zu müssen, meine Arme sind schwach - schnell stehe ich auf, bevor sie nachgeben können. Ich trinke einen Schluck Wasser und nehme mein Schwert. Unter dem Torbogen begegnet mir ein Gladiator, der gesiegt hat; er weint. Ich beneide ihn um sein Gefühl, für einen kurzen Augenblick erkenne ich einen anderen Menschen. Dann stehe ich in der Arena, der Sand unter meinen Füßen ist heiß und blendend wie die Sonne über mir, die Menge um mich herum tost. Sie kennen mich, lieben mich, weil ich für sie töte. Ich hasse sie, sie wissen nicht, was der Tod ist; so lange andere ihm begegnen, ist er ein grandioser Schausteller. Ich hebe die Hand zum Gruß und wende mich dem Tor zu, aus dem mein Gegner tritt. Ein Vrunt, eine Kreatur der Wüste, die nichts von der Angst vor dem Tod weiß, weil sie nichts vom Leben weiß. In dem primitiven Körper ist keine Seele, ich gebe ihm keine Schuld, ich empfinde selbst keine Schuld.

Wir umkreisen uns langsam. Ich sehe seine schwere Keule pendeln, ich weiß, wieviel Schmerz sie bringt: keine Fleischwunden, nur zersplitterte Knochen. Ich will nicht töten. Ich schlucke und stürme vor, schließe die Augen, als mein Schwert in sein Fleisch fährt, ein zu vertrautes Geräusch. Aber ich treffe nicht, dort, wo ich sein Herz zerstoßen wollte, rutsche ich vom Knochen ab. Meine eigene Kraft kehrt sich gegen mich. Ich taumle, lasse mein Schwert fallen. Bevor ich weiß, dass ich verloren habe, fährt seine Keule herab, trifft meine Brust. In mir höre ich Rippen brechen; ich falle auf die Knie, wage nicht zu atmen. Mit jedem Keuchen sticht es in meiner Lunge, ich schmecke Blut, sauer wie kaltes, flüssiges Eisen. Ich habe die Augen geschlossen, ich höre das Zischen in der Luft. Wieder trifft mich seine Keule, mein Rückgrat seufzt auf, von der Last meines Körpers befreit - ich verliere die Beine im Schmerz. Der harte Sandboden in meinem Gesicht. Ich höre die Menge: sie jubelt dem Tod zu. Ich spüre den Vrunt über mir, öffne die Augen, um ihm zu danken für das Ende der Angst. Aber er versteht nicht, er ist nur ein Tier. Seine Bewegung, verlangsamt: er kniet neben mir und streckt die Hände aus. Die Schmerzen treiben davon, mein Geist krallt sich an ein Totengebet, das ich vor tausend Jahren gelernt habe: "Das Sterben ist lang, aber der Tod ist ewig. Der Tod ist Vergebung und Stille." Mein Kopf versinkt in den Pranken des Vrunt und die Erkenntnis erfüllt mich: noch einmal wird mein Rückgrat brechen, aber ich werde es nicht mehr hören.